Sternenkinder-Kronach
 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Artikel aus dem OT vom 15.10.2009                                                                                                                                                                                                         LICHTENFELS/KRONACH        

Wenn nicht mehr als ein Bild bleibtIn der Selbsthilfegruppe „Sternenkinder“ treffen sich Frauen, die ihre Kinder vor, während oder kurz nach der Geburt verloren haben

Wie fühlt sich eine Frau, die mit ihrem Schmerz so allein gelassen wird? Die gegen Mauern aus Unverständnis, Schweigen, Ablehnung rennt, wo sie Hilfe und Zuwendung erwartet?Margit Altmann hatte mit solchen Reaktionen zu kämpfen. Sie verlor ihr Kind in der 30. Schwangerschaftswoche. „Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, konnte mir mein Freundeskreis nicht helfen. Sie hatten das Thema irgendwann satt“, erinnert sie sich. Schnell wurde ihr eines klar: Dass sie mit Frauen reden wollte, denen es so ergangen war wie ihr, die ihre Erfahrungen teilten und ihren Schmerz und ihre Trauer nachvollziehen konnten.Mit der Unterstützung der Dipl.-Sozialpädagogin Michaela Wittmann von der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen des Diakonischen Werks Coburg, Zweigstelle Kronach, und der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Coburg gründete sie eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern. „Sternenkinder“ nennt sie sich: Die Mitglieder haben ihre Kinder vor, während oder kurz nach der Geburt verloren.Dreieinhalb Jahre ist das jetzt her. Die Gruppe wuchs langsam. Sieben Mütter aus den Landkreisen Kronach, Lichtenfels, Coburg und Sonneberg im Alter von 20 Jahren bis Anfang 40 treffen sich zurzeit regelmäßig am ersten Montag des Monats in den Räumen der Schwangerschaftsberatungsstelle in der Kriegsopfersiedlung 7. Väter sind natürlich auch willkommen, sagen die Frauen. Aber Männer trauern meistens anders.Es ist für eine Frau nach einem solchen Verlust schwer zu begreifen, dass ihr Mann gleich wieder arbeiten geht und dass er das Thema meidet. Sie wirft ihm dann Kaltherzigkeit vor und dass er nicht trauert. Und er kann nicht verstehen, wieso sie nicht sieht, dass er auch leidet. Konflikte sind vorprogrammiert, weiß Michaela Wittmann, die die Studien zum Thema kennt. Beziehungen können an solchen Schicksalsschlägen zerbrechen, aber es gibt auch welche, die sich durchgekämpft haben und zusammen weitermachen. Das erfahren die Frauen in der Gruppe, und es gibt ihnen Kraft und Mut.Die Selbsthilfegruppe ist offen für alle, die ein Kind verloren haben. Aber es ist ein Unterschied, ob das Baby schon während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt stirbt oder ob die Eltern einige Jahre mit dem Kind erleben und gemeinsame Erfahrungen sammeln durften. Deswegen legen die „Sternenkinder“-Frauen in einem solchen Fall Müttern nahe, die Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern in Lichtenfels oder Coburg aufzusuchen. Dort treffen sich Frauen, die ihre Kinder erst später verloren haben.Es ist ein kleiner Raum, in dem die Frauen zusammensitzen. Kaffeetassen und Wassergläser stehen auf dem Tischchen in der Mitte; Plätzchen, Süßigkeiten und Knabbereien liegen bereit. In der Ecke ein weiteres Tischchen. Jede Frau hat ein Foto ihres Kindes mitgebracht, und wenn es ein Ultraschallbild ist. Die Bilder sind dort aufgestellt; Teelichter brennen davor. Die verstorbenen Kinder bleiben Teil ihrer Familien. Jede der Frauen fühlt sich als Mutter, auch diejenigen, die keine weiteren Kinder haben. Schließlich haben sie das Leben in sich gespürt.Eine feste Struktur haben die Sitzungen nicht. „Man guckt halt immer, wer hat ein Problem, wem geht's gerade schlecht“, beschreibt eine der Teilnehmerinnen das Prinzip. Sie tauschen sich über alles Mögliche aus, über den Alltag, wie sie zurecht gekommen sind die vergangenen vier Wochen. Und merken dann, dass sie immer wieder zum selben Thema zurückkommen.„Wir reden, lachen und weinen gemeinsam“, fasst Margit Altmann zusammen. Das tut gut: „Ich bin immer richtig erleichtert, wenn ich meine Päckchen auf euch verteilt habe“, gesteht eine der Frauen.Sozialpädagogin Michaela Wittmann ist von einem überzeugt: „Die Selbsthilfegruppen der verwaisten Eltern haben eine Bewusstseinsänderung bewirkt.“ Etwa dahin gehend, dass auf den Friedhöfen Gräber für Föten unter 500 Gramm eingerichtet wurden. Und die Frauen erhalten in der Klinik die Möglichkeit, von ihrem Kind Abschied zu nehmen; oft bekommen sie auch einen Fußabdruck oder Fotos mit nach Hause.Schön wär's, wenns überall so wäre. Eine junge Frau aus der Runde erzählt von anderen Erfahrungen. In der 13. Schwangerschaftswoche verlor sie ihr Kind. Arzt und Hebamme verhinderten, dass sie es zu Gesicht bekam, obwohl sie mehrfach danach verlangte, schrie, „sich aufführte“, wie sie sagt. Sie sei zu jung, hieß es. 18 Jahre war sie damals alt, alt genug, um ein Kind zu gebären, zu jung, um von ihm Abschied zu nehmen. Die Gruppe ist entsetzt. Sie nimmt sich vor, eine Hebamme einzuladen und zu diesem Thema zu befragen.Zwei andere Frauen erzählen, dass bei ihnen auf dem Land eine Fehl- oder Totgeburt immer noch ein Tabuthema ist. Die eine der beiden hatte nicht mal eine Trauerfeier für ihr Kind. Die Mutter verhinderte es, „wir reden da nicht mehr drüber“, bestimmte sie. Jetzt ist sich die Frau sogar unsicher, ob der Pfarrer in ihrem Dorf eine Messe für ihr totes Kind lesen würde. „Das wird er“, bestärken sie die anderen Frauen. „Sonst kommen wir alle und protestieren.“Eine zitiert einen Spruch, dem sie alle zustimmen: „Mütter, die ihre Kinder verloren haben, erschreckt nichts mehr.“ Etwas Schlimmeres könne man nicht erleben, da sind sich alle einig. Es ist ein Schicksalsschlag, der alles im Leben ändert. Über Kleinigkeiten regen sie sich nicht mehr so leicht auf. Und doch: Die Unbefangenheit ist weg. Bei der nächsten Schwangerschaft, bei den anderen Kindern, die Angst, dass etwas passieren könnte, ist jetzt immer da.Keiner braucht Angst haben, zur Selbsthilfegruppe „Sternenkinder“ zu kommen, betont die Gründerin Margit Altmann. Die Frauen treffen sich immer am ersten Montag im Monat in der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen des Diakonischen Werkes Coburg in der Kriegsopfersiedlung 7 in Kronach. Wer sich vorab informieren möchte, kann dies tun bei Margit Altmann, Telefonnummer 09261/4432, oder Anita Tischer, Telefonnummer 09571/87952. Sozialpädagogin   


Artikel Im FT vom 17.05.2016

Veronika Schadeck

  Ein Gefühl von Traurigkeit überkommt einen beim Anblick des mit Blumen und kleinen Engeln geschmückten Grabs. Am Eingang des "Sternenkinder"-Areals steht: "Jedes Leben ist in der Tat ein Geschenk, egal wie kurz und zerbrechlich..."
Wenn Babys im Mutterleib oder kurz nach der Geburt sterben, fühlen sich viele betroffene Eltern alleine gelassen. Kaum jemand redet über die sogenannten "Sternenkinder".
In Kronach existiert seit fast zehn Jahren die "Sternenkinder"-Gruppe. Es sind Mütter aus den Landkreisen Kronach und Lichtenfels, die sich monatlich treffen und auch das Grab beziehungsweise die Gedenkstätte der Sternenkinder auf dem Kronacher Friedhof pflegen.
Zerbrochen waren die Herzen der Mütter der "Sternenkinder"-Gruppe, als ihre Kinder nicht weiterleben durften. Sie hatten sich auf ihre Kinder gefreut, Vorbereitungen für den Nachwuchs getroffen, haben Kindsbewegungen gespürt.... Dann sind sie mit dem Unfassbaren konfrontiert werden.

  
  Eine Gemeinsamkeit

Es ist Montagabend. Margit Altmann, Anita Tischer, Esther Leicht und Melanie Will treffen sich an der Sternenkinder-Gedenkstätte auf dem Kronacher Friedhof. Vier Frauen mit unterschiedlichen Geschichten. Doch eines haben sie gemeinsam: Alle vier haben ein beziehungsweise mehrere Kinder verloren.Erinnerungen werden bei dem Gespräch wach. Vertreten ist auch Michaela Wittmann, zuständig für die Schwangerenberatung vom Diakonischen Werk Coburg, Außenstelle Kronach. Sie betreute damals Margit Altmann während ihrer Schwangerschaft. Die Marktrodacherin hatte bereits zwei Kinder, eines davon war behindert. Am Anfang ihrer dritten Schwangerschaft hat sie Rat bei der Schwangerenberatung, bei Michaela Wittmann gesucht. So entstand eine Verbindung, die bis zum heutigen Tag Bestand hat. Der anfängliche Schock über ihre dritte Schwangerschaft wandelte sich in Freude. Umso größer war dann die Trauer, als sie ihr Kind in der 30. Woche verlor. Teilweise hatte sie nach dem Verlust des Kindes den Eindruck, ihr Umfeld meide sie. Wahrscheinlich seien die Mitmenschen in solchen Situationen unsicher, ob sie das Thema zur Sprache bringen könnten, sucht sie nach einer Erklärung.Zwischen den vier Frauen ist mittlerweile eine Freundschaft entstanden. Obwohl Monate und Jahre ins Land gezogen sind, sind ihre verstorbenen Kinder bei jedem Treffen das Gesprächsthema. Jede erzählt aber auch ihre Eindrücke oder wie sie nach Jahren mit ihrer Trauer umgehen.  "Die Trauer endet nie, sie wandelt sich", so Esther Leicht. "Es sind Tage dabei, da ist fast alles Normalität. Dann kommen auch nach Jahren immer noch Phasen, wie beispielsweise an Festtagen, an denen man von Trauer überwältigt wird." Die Welt drehe sich weiter, aber ohne sie, so war der Eindruck von Melanie Will, als sie ihr Kind verlor. Anita Tischer räumt ein, dass man mit Blick auf Eltern mit Kindern teilweise auch Neidgedanken bekämpfen müsse. Und dann gibt es auch solche Gedanken: "Lieber Gott, ich will zu meinem Kind." Die vier Frauen möchten ihre regelmäßigen Treffen in der Sternenkinder-Gruppe nicht missen. "Wir können zusammen um unsere Kinder trauern." Die offenen Gespräche tragen auch zum gegenseitigen Verständnis bei. Verliere man ein Kind, sei alles anders in der Familie, im Job, im Freundeskreis. Und jeder Betroffene gehe anders damit um.

  
  Trauernde Väter willkommen

Auch trauernde Väter sind in der Sternengruppe willkommen, betont Margit Altmann. Aber, so weiß sie, "Männer trauern meist anders - sie wollen ihre Trauer mit sich selbst ausmachen". Viele stürzten sich auch in Arbeit. Und wenn man da nicht aufpasst, gehe auch die Partnerschaft in die Brüche.Neben dem Treffen der Mitglieder sind auch der Besuch und die Pflege des Sternenkindergrabes fester Bestandteil in der Gruppe. Durch ihre Initiative kam in Zusammenarbeit mit Hebammen der Frankenwaldklinik sowie Vertretern der Stadt und der Kirche auch die Sternenkinder-Gedenkstätte zustande. Für die Mütter ist die Pflege des Sternenkindergrabes eine schöne Aufgabe. Es sind zwar nicht ihre Kinder, die dort beerdigt sind, aber in solchen Momenten fühlen sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe mit ihren verstorbenen Kindern sehr verbunden. Die Kinder, die hier bestattet werden, haben ein Gewicht unter 500 Gramm. Sie gelten deshalb noch nicht als Person und werden nicht regulär bestattet. Aber sie haben gelebt. Die Eltern haben jetzt die Möglichkeit, ihre Kinder in der Sternenkinder-Gedenkstätte begraben zu lassen. Es ist ein Anliegen der Mütter in der Sternenkindergruppe, die Gedenkstätte mit Blumen zu schmücken.

  
  Abschied nehmen

Eine Beerdigung für Sternenkinder, so weiß Michaela Wittmann, kann für die betroffenen Eltern eine große Hilfe sein, um von ihrem Kind Abschied zu nehmen. Die Eltern haben zudem einen Ort, an dem sie an ihr Sternenkind im Stillen gedenken und Trost finden können.Michaela Wittmann sowie die Mitglieder der Sternenkinder-Gruppe möchten alle Betroffenen zu einem Besuch in der Selbsthilfegruppe oder auch bei der Schwangerenberatung der Diakonie in Kronach einladen. Es sei alles unverbindlich, so Margit Altmann, jeder kann kommen und gehen, kann bleiben, so lange er möchte. "Wir wollen einfach nur helfen, weil die Selbsthilfegruppe auch uns geholfen hat."